Traumschiff Entenschiss


Eine neue Form von Wohlstandsdekadenz macht sich derzeit auf meiner Arbeitsstelle breit. Gut, überraschend ist das nicht – schon so manche Form des Schwachsinns schwirrte hier durch den Orbit. Wie penetranter Ozon-Geruch, dem Flackern uralter Neon-Leuchten oder dem Geräusch knallender Türen, weil wieder jemand auf Durchzug gestellt hat. Jeder kann tun und lassen was er will – weil das offensichtlich niemanden interessiert. Oder nennt man so etwas heute Toleranz?


„Ich lerne gerate entisch“ sagt meine Büronachbarin. Was bleibt ihr auch anderes übrig – denke ich. Sie hat schließlich keine Wahl. Ihre Mutterinstinkte sind beim Anblick eines Entenkückens nun einmal erwacht und gegen unsere Gene haben wir bekanntlich keine Chance.

Über die Umstände, die dazu führten, dass sie seit zwei Tagen Entenmama ist, ist wenig bekannt. Möglicherweise zog sich eine Entenfamilie aufgrund der aktuellen Hitze auf ihren Balkon zurück. Bis die Dame des Balkons erscheint und damit eine mittelprächtige Panik unter dem Geflügel auslöst. Die anschließende Flucht gelingt nur mittelprächtig, da das hässlichste der kleinen Entenkücken den blitzschnell zupackenden Händen einer verzückt dreinblickenden Menschenfrau nicht mehr ausweichen kann. Kann so gewesen sein, muss es aber nicht. Aber hey, wie verdammt kommt man sonst zu einem Entenkücken?

Was mag in der kleinen Mietwohnung meiner Kollegin derzeit ablaufen? Enten sind von Natur aus nicht stubenrein und selbst die domestizierten Vertreter ihrer Art scheissen relativ spontan auf so ziemlich alles, was sich gerade unter ihren Watschelfüßchen befindet. Dazu schnattern Enten ununterbrochen. Wirklich!

Auch ohne Windelwechseln und Fläschchengeben ist die frischgebackene Entenmama schwer im Stress. Da wären zum einen die schlaflosen Nächte. Sie teilt ihr Bett mit dem plüschigen Federvieh, was die Frage aufwirft: Wie viel Knuddeln hält so ein Kücken aus?

Dann muss so ein Entchen artgerecht erzogen werden. Den markanten Gang, das Watscheln, beherrscht die Entenmama schon jetzt ganz gut und schnattern konnte diese schon vorher. Insofern gibts hierbei keine Probleme bei der Erziehung. Das Beibringen des Fliegens gestaltet sich dagegen schwierig. Vermute ich, sicher bin ich mir dabei aber nicht.

Bleibt noch die Kommunikation (Schnattern hat damit nichts zu tun, das ist eher so ein Ding unter Frauen: Reden ohne zu erwarten, dass jemand zuhört.) Um Klein Kücken zu verstehen, seine Gefühle zu deuten und ihm jeden Wunsch vom Schnabel abzulesen, ist das Verstehen von „Entisch“ absolut notwenig. Sie ist dran, sagt sie. Gut so.

Wie eine ordentliche Entenmama hat sie das kleine Ding stets und überall dabei. Ins Büro gelangte das Entchen gestern noch in einem gewöhnlichen Korb und heute in einer Kleintiertransportbox, die deutlich zeigt, das Kleintiere viel größer als dieses kleine Kücken sind. Gerade diese Winzigkeit macht den Unterschied aus. Jeder Vorgesetzte, der meine Kollegin nebst Nachwuchs begegnet, schmilzt sofort dahin. So, als ob er noch nie ein rosa Einhorn in Form dieses Entenkückens gesehen hätte. Ganz offensichtlich hinterfragt hier niemand die Anwesenheit von diesem gelb-braunen Plüschknäul. Das Kopfschütteln wurde einmal mehr mir überlassen.

Auf dem Flur darf Klein-Entchen zwischen den gespreizten Beinen seiner Mama umherlaufen, im Büro auf den Schreibtisch seine Notdurft verrichten und den ganz normalen Büro-Tinitus um einen völlig neuen Störton erweitern. Dieses Dauerschnattern des Kückens hat in der Tat etwas von Akustikfolter, dem Männer nichts entgegenzusetzen haben – selbst wenn es nichts zu gestehen gibt.

Womit wir nun endlich zum Punkt kommen: Was, wenn das nun Mode macht. Was, wenn demnächst jeder sein Lieblings-Haustier mit ins Büro bringt. Was wenn Riesenspinnen auf Königspythons treffen, Aligatoren ahnungslose Bürohengste annagen und Fredi das Hausschwein die Teeküche zerlegt? Klingt zumindestens spannend.

Langweilig wirds hier nicht.

 

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