Wer hämmert denn da?


Meine Kaffeetasse vibriert leicht auf dem Schreibtisch. Konzentrische Ringe bilden sich auf der tiefbrauen Flüssigkeit, die ihre besten Zeiten seit gut einer Stunde hinter sich hat. Sprich: mein Kaffee ist kalt und die Erde bebt. Die Büroakustik ist ähnlich befremdlich. Es verlassen Klänge die Lautsprecher meines Radios, dessen bin ich mir sicher. Davon bekommen allerdings meine Ohren wenig mit, denn allzu gegenwärtig wummert der Sound von Presslufthämmern durchs Büroidyll. Und das bereits seit Stunden.

Nein, Rammstein probt weder den Ernstfall und noch erhält unser Bürogebäude die längst überfällige Tiefgarage. Niemand bombt verstaubte Archive übern Jordan oder schmeisst Böller in Mäuselöcher, die es ganz bestimmt hinter den Spinden und Netzwerkschränken gibt. Die Mäuse selbst sind sicher längst über alle Berge. Diesen Lärm ertragen nur die ganz Harten. Beamte und Mäuse gehören ganz sicher nicht dazu. Es interessiert mich überhaupt nicht, wer für den Lärm verantwortlich ist, denn das ändert nichts an der Tatsache, dass man sein eigenes Wort nicht versteht.

Das Geräusch kämpft sich durch den Gehörgang und erreicht ungebremst den Magen. Das Magengeschwür registriert die Belästigung recht genervt und zwingt mich eine wohl dosierte Menge Natron einzuwerfen. Wer nicht hören will muss fühlen? Das ich nicht lache!

In längst vergessenen Zeiten war unser Flur bestenfalls dann mit dahin hetzenden Beamten bevölkert, deren lauwarmer Kaffee die abgestandene Luft mit einem unverwechselbaren Aroma bereicherte. Oh, wie selig waren diese Tage. Ruhig, sanft zu den Nerven, Balsam für die Sinne. Heute ist alles anders. Auf dem Weg zur Kaffeemaschine, unserem ganz persönlichen Sankt-Mokka-Pfad, laufen einem derzeit ständig verschwitzte Bauarbeiter in verdreckten Kombis übern Weg und bereiten der heiligen Glückseligkeit des Beamtentums auf diesem Planeten ein jähes Ende.

Ich ziehe mich hinter den Schreibtisch zurück, bereit, diese letzte Abgeschiedenheit mit meinem Leben zu verteidigen, sollte sich irgendeine Form von Elan und Tatendrank in mein Büro wagen. Der höhenverstellbare Schreibtisch befindet sich auf Talfahrt. Anschließend werde ich den Kopf zwischen meinen Knien verstecken und letztere ganz fest gegen die Ohren drücken. Schaut sicher nicht vorteilhaft aus, hilft aber hoffentlich gegen den Lärm.

Wir werden sehen.

Oder hören.

Oder fühlen…

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