Durchblick ist alles


Samstag, kurz nach ein Uhr morgens. Die richtige Zeit für etwas Schlaf, man ist halt nicht mehr der Jüngste. Auf dem Weg ins Bett gönne ich mir einen Abstecher ins Bad. Der Wunsch nach Körperpflege ist zwar ziemlich gering, aber die Routinen des Alltags sind so tief eingebrannt, dass es mir nicht mal in den Sinn kommt, mit ungeputzten Zähnen ins Bett zu gehen.

Im Bad angelangt nehme ich meine allererste, dazu brandneue und zudem sündhaft teure Brille von der Nase. Jene Brille, die wegen ihres unerhört hohen Preises seit Tagen ihren Teil zum stressbedingten Magengeschwür beiträgt. Himmel, was habe ich mir da andrehen lassen? Zugegeben, die hübsche Verkäuferin im Optikerladen verstand es bestens meine Eitelkeit auszunutzen. Eine Eitelkeit, von der ich zuvor gar nicht wusste, dass es sie gab. Aber verdammt, bei der Konkurrenz hätte ich kaum die Hälfte bezahlt und trotzdem sicher auch eine todschicke Sehhilfe erhalten!

Kaum ist die Brille weg blickt mir mein altgewohntes Gesicht entgegen. Irgendwie wirkt es unangenehm aufgebläht, müde und nackt. Bin das wirklich ich? Wow, diesen Anblick hätte ich mir besser erspart. Wer will schon mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert werden? Schon gar nicht zu dieser Uhrzeit. Die Geisterstunde mag um sein, der Grusel ist offensichtlich geblieben um noch etwas Spaß zu haben.

Ich setze die Brille wieder auf und kaum ist die Seh- und Lesehilfe an ihrem Ort, sehe ich im Spiegel, weshalb ich ohne zu überlegen die Brille bestellt habe. Mir blickt ein ungemein attraktives Spiegelbild entgegen. Dem Kerl dort konnte die Zeit offensichtlich nichts anhaben. Mal ehrlich: Rechtfertigt nicht allein schon diese Erkenntnis mein ungezügeltes Konsumverhalten?

Die Brille war notwendig, ohne Zweifel. Schon das Bedienen meines Smartphones war inzwischen schwierig geworden und das lag nicht nur an meinen Wurstfingern. Spätestens wenn man sich Messages vorlesen lassen muss, weil man diese nicht mehr entziffern kann, darf man über eine Lesehilfe nachdenken. Dran gedacht und direkt gekauft – und siehe da, selbst der kleine Nebeneffekt, der sich hier im Spiegel präsentiert, kann sich durchaus sehen lassen. Nun habe ich wieder den vollen Durchblick.

Grinsend verlasse ich wenig später das Bad und weiß, dass in dieser Nacht keine Bauchschmerzen meinen Schönheitsschlaf stören werden.

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