Urlaub am Meer


Dieser Sommer hatte definitiv zu viel Sonne für die gestressten Bürger dieser Republik parat. Zum ganz normalen Urlaubsstress kam die Wahl der richtigen Bekleidung bei fast vierzig Grad im Schatten sowie das alltägliche Einbalsamieren in Sonnenschutzpflegemittelchen mit mindestens Sonnenschutzfaktor 2000. Unmöglich sich hier tiefgreifend zu erholen.

Die Wahrheit liegt irgendwo da draussen, zwischen Dünen, Eiscafes und Einkaufsmeilen. Dort wo die graue Masse einhellig die Meinung „Dies ist der absolute Urlaub!“ vertritt. Entsprechend viel Motivation für mich der Sache einmal auf den Grund zu gehen.

Und so schlendere ich in einem typischen Nordseeörtchen in Richtung Strand, wohl wissend, dass mich dort kein blauer Ozean sondern nur tiefbrauner Schlick erwartet. Sei’s drum, Tausende zieht es dorthin und ich will wissen warum! Zuvor gilt es die Stufen zum Deich zu erklimmen. Dieses Hindernis mag mich in meinem Tun kurz einbremsen, dem Touristenstrom hat sie absolut nichts entgegen zu setzen. Mit Fahrrädern, Bollerwagen und Kinderbuggys erstürmen sie diesen letzten Wall vor der unendlichen Freiheit weniger Quadratmeter Nordseestrand.

Direkt am Fuße des Deiches schließt sich ein Areal weissen Sandes an, der mit Strandkörben und Urlaubern übersät ist. Das Ganze Strand zu nennen erscheint übertrieben, aber man tut es trotzdem. Schließlich muss der kleine graue Kasten mit der Aufschrift „Strandbenutzungsgebühr“ seine Daseinsberechtigung erhalten. Durchquert man den Strand mit der Hoffnung sich nun in die kalten Fluten der Nordsee zu stürzen, wird man schwer enttäuscht. Das ganze ist kein Strandbad sondern ein Moorbad. Tiefbrauner Schlick bedeckt den gesamten Boden, und zudem auch noch einige Quadratkilometer im Vorfeld. Wir haben schließlich Ebbe.

Am anderen Ende der brauen Schlickflächen, die sich zufällig ihren Namen mit der Maßeinheit für die elektrischen Leistung und einem englischen Physiker teilen muss, befindet sich eine langgezogene Insel. Das mag den geneigten Nordseetouristen zur Annahme verleiten, dass es sich hierbei wohl um eine der Ostfriesischen Inseln handelt. Recht so!

Ich habe genug vom Elend am Fuße des Deiches, mache kehrt und überprüfe nun die mit Cafés, Restaurants und Touristenläden übersäte Flaniermeile auf ihre Urlaubsqualität. Rotgepflasterte Gehwege säumen die Straße. Das hat etwas. Links und rechts reihen sich Geschäft an Geschäft, Biergärten und Eisstände. Beinahe wäre ich in einen Hundehaufen getreten. Das war eng. Ein paar Schritte später belegen eindeutige Spuren , das da jemand weniger Glück hatte.

Egal wo man hinschaut, überall Touristen, Alte, die desorientiert einen Bankautomaten suchen, Kinder, die mit viel Spaß ihre Eltern an die Grenzen des Wahnsinns trieben. Dickleibige Menschen naschen Pommes mit einer Extraportion Mayonaise und Dünnleibige knabbern an einem Körnerschwarzbrot aus der Tüte. Ganz so wie daheim auch. Die Souvenierläden bieten Plüschseehunde, Tassen mit Vornamen drauf und Leuchttürme gefüllt mit Sanddornlikör.

So also sieht der brutale Wahnsinn in diesem Epizentrum totalen Urlaubsglückes in Deutschlands aus. Dies ist kein Platz für Erholungssuchende. Hier gibts nur Verrückte, die endlich mal wieder Zeit mit der ganzen Familie verbringen wollen, was weiss Gott nichts mit Erholung zu tun hat. Tiefenentspannung geht anders, aber wahrscheinlich hab ich auch nur an der falschen Stelle gesucht. Wie schaut’s denn aus, wenn auf einer Wanderung durchs Watt der hysterische Strandlärm langsam zurückbleibt und man bis zu den Knien im Schlick steckt. Nun ja, eines Tages werde ich es herausfinden, aber nicht mehr heute.

Inzwischen fordern die umfangreichen Vorbereitungen auf diesen heißen Sommertag auch bei mir ihren grausamen Tribut. Der mit Sonnenöl verdünnte Schweiß findet seinen Weg in meine Augen und mit einem Male finde ich alles ziemlich traurig. Die müden Augen brennen, beginnen zu tränen und nur die Sonnenbrille verhindert, dass gutmeinende Mitbürger sorgenvoll zu Hilfe eilen. Soweit ist es nun also gekommen.

Heulend verabschiede ich mich für heute. Dieses Leben ist manchmal ziemlich grausam! Bis denne…

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